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Veranstaltungspublikum
Wünschewagen

Begleiter auf der letzten Reise: Wunscherfüller Jörg erzählt

Seit zehn Jahren ist der ASB Wünschewagen in Berlin unterwegs, um Menschen in ihrer letzten Lebensphase einen besonderen Herzenswunsch zu erfüllen. Möglich machen das engagierte Ehrenamtliche, die ihre Zeit und ihr Herzblut in dieses Projekt stecken. Einer von ihnen ist von Anfang an dabei: Jörg Bredow. Wir haben mit ihm über seinen Weg zum Ehrenamt, unvergessliche Momente und die emotionale Seite seines Engagements gesprochen.

Was hat dich dazu bewegt, dich ehrenamtlich beim Wünschewagen zu engagieren?

Ich war früher bei der Feuerwehr. Als ich dann in den Ruhestand ging, habe ich natürlich überlegt, was ich mit der neu gewonnenen Zeit anfangen könnte. Der Zufall wollte es, dass ein ehemaliger Kollege beim Wünschewagen in Brandenburg aktiv war. Er erzählte mir davon und ich dachte sofort: „Mensch, dat wär doch wat für mich!“

Das war ganz am Anfang, nur ein halbes Jahr nach dem Start des Berliner Wünschewagens im Jahr 2016. Damals kannte das Projekt noch kaum jemand. Wir waren ein kleines Team von etwa zehn Wunscherfüller:innen. Alles steckte noch in den Kinderschuhen. Die Wunschfahrten fanden anfangs vielleicht alle zwei Monate statt. Heute ist das ganz anders. Manchmal begleite ich zwei oder drei Wunschfahrten in nur einem einzigen Monat. Aber der Gedanke von damals treibt mich immer noch an: Ich bin zuhause, ich habe Zeit und ich kann etwas Sinnvolles tun.

Wie läuft eine Wunschfahrt für dich ab – von der Vorbereitung bis zur Rückkehr?

Jede Wunschfahrt ist anders. Man weiß nie, was einen erwartet. Wir im Team bereiten uns natürlich gut vor, indem wir uns den Arztbericht ansehen, um einen Überblick über den Gesundheitszustand des Fahrgastes zu bekommen. Aber der eigentliche Start ist immer ein menschlicher, kein medizinischer.

Wir gehen erstmal ohne jegliches Equipment zum Fahrgast. Wir stellen uns vor, erklären in Ruhe, was wir heute gemeinsam vorhaben. Da ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. Wir stellen uns auf die Person ein und vermitteln ihr vor allen eines: "Heute ist dein Tag und wir sind für dich da." Meist werden die Fahrgäste auch schon von den Mitarbeitenden im Hospiz oder zuhause auf unseren Besuch vorbereitet und meistens sind auch Angehörige oder Betreuer:innen dabei, was eine große Unterstützung ist.

Wenn alle bereit sind, zeigen wir unser speziell umgebautes Fahrzeug und dann geht’s los – je nach Zustand meist mit dem Rollstuhl oder auf der Trage. Der Tag selbst richtet sich dann ganz nach dem Fahrgast. Ein fester Ablaufplan ist immer nur eine „Kann-Sache“. Wenn dem Fahrgast danach ist, halten wir jederzeit oder jederorts an und essen zum Beispiel eine Currywurst. Wir gestalten den Tag so, wie es kommt. Es geht darum, im Moment zu sein und immer wieder einzuschätzen: Wann wird es vielleicht zu viel? Wir hatten schon Fahrten, die bis kurz vor Mitternacht gingen, aber wir haben leider auch schon Wünsche abgebrochen, weil wir gemerkt haben, dass die Kraft des Fahrgastes nachlässt. Diese Einschätzung ist ein ganz zentraler Teil unserer Aufgabe.

Welche Bedeutung hat die Erfüllung eines letzten Wunsches aus deiner Sicht und was macht den Wünschewagen so besonders?

Wir machen dieses Ehrenamt, um genau das zu tun: einen letzten Wunsch erfüllen. Das Schöne ist, dass es in 90 Prozent der Fälle gelingt, eine unbeschwerte und glückliche Zeit zu schaffen. Das ist der Lohn für alles.

Das Besondere erlebst du in den kleinen Momenten. Wenn du einem Fahrgast in die Augen guckst und dieses Strahlen siehst. Wenn du miterlebst, wie Menschen, die oft schon sehr in sich gekehrt sind, plötzlich aus sich herausgehen. Das sind die Momente, die einen auch selbst erfüllen. Einer der schönsten Sätze, die fallen, kommt oft von den Angehörigen oder Betreuer:innen: „Mensch, so hab ich dich ja schon lange nicht mehr erlebt.“ Dann wissen wir, dass wir alles richtig gemacht haben.

Was möchtest du Menschen mitgeben, die überlegen, sich ebenfalls ehrenamtlich beim Wünschewagen zu engagieren oder das Projekt zu unterstützen?

Man muss sich bewusst machen, dass es emotional eine harte Nummer sein kann. Durch meine Zeit bei der Feuerwehr erschreckt mich nicht mehr so schnell etwas, aber die Konfrontation mit dem Thema Sterben ist selbstverständlich intensiv. Man muss wissen, dass die Menschen, die wir fahren, sterbenskrank sind und dass es für sie oftmals die letzte große Reise ist.

Ein Fahrgast kam in Warnemünde aus dem Wasser und sagte zu mir: "Jetzt kann ich gehen." Das geht einem nahe. Wenn ich Leuten von einer Wunschfahrt erzähle, haben viele Pipi in den Augen. Damit muss man umgehen können.

Für mich persönlich ist es wichtig, nach jeder Fahrt einen klaren Schnitt zu machen. Ich setze mich danach mit meiner Frau hin und rede ausführlich darüber, wie der Tag abgelaufen ist. Das hilft mir, das Erlebte zu verarbeiten. Das ist mein Weg, aber jeder muss da seinen eigenen finden. Wer sich also engagieren möchte, sollte sich dieser emotionalen Seite bewusst sein, aber auch wissen, wie unglaublich viel man zurückbekommt. Und für diejenigen, die vielleicht nicht selbst fahren können oder wollen: Jede Form der Unterstützung ist unglaublich wertvoll. Ob es eine Spende ist, die uns hilft, den Wagen am Laufen zu halten und den Sprit für die nächste Fahrt zu sichern, oder ob jemand einfach nur von unserer Arbeit erzählt und so das Projekt bekannter macht – all das trägt dazu bei, dass wir diese letzten Wünsche erfüllen können.

Fotos: Lisa Hambsch https://www.lisahambsch-fotografie.de